GENUS

Status: abgeschlossen

Medium: Sprache, Malerei

Kontext:

Die deutsche Sprache (Lautsprache) teilt bis auf wenige Ausnahmen jedem Substantiv ein Geschlecht zu.*

Laut Duden sind davon 46% feminin (die) , 20% neutral (das) und 34% maskulin (der). Man spricht vom grammatischen Geschlecht oder Genus. 1,4% der deutschen Substantive haben einen sogenannten „schwankenden Genus“, für sie sind also zwei Artikel gebräuchlich und auch korrekt. Für 0,04% der deutschen Substantive sind sogar alle drei Genera passend.

Diese dreigeschlechtlichen Nomina sind Grundlage meiner Arbeit, wobei ich mich auf die folgenden drei konzentriert habe:

der, die oder das Joghurt
der, die oder das Triangel
der, die oder das Zigarillo

Ich habe mir die Frage gestellt, ob und wie sich der Genus auf den deutschen Sprachgebrauch und das menschliche Verständnis von Geschlecht auswirkt und ob diese strenge Kategorisierung überhaupt notwendig ist. Gibt es „genderfluide“ Substantive, die sich dieser strikten Unterteilung nicht unterwerfen? Wie kann ich diese wiederum vom gesprochenen und geschriebenen Wort befreien, ihnen eine neue Form geben, eine neue „Sprachlichkeit“? Wie kann ich dem schwankenden Genus eine performative Gestalt geben?  

*Ein Substantiv ist laut Duden ein Wort, das ein Ding, ein Lebewesen, einen Begriff, einen Sachverhalt o. Ä. bezeichnet; Nomen (1), Haupt-, Ding-, Nennwort (z. B. Haus, Einheit, Regenbogen)


Prozess:

Im Zuge meiner sprachwissenschaftlichen Recherchen ist mein Fokus auf die österreichische Gebärdensprache (ÖGS) gefallen. Diese hat eine eigene Grammatik und verzichtet zur Gänze auf den Genus. Damit gibt es eine zusätzliche, anerkannte, deutsche Sprache, die im Dialog völlig ohne Artikel auskommt.

Es gibt zwar einige Versuche der Gebärdensprache ein einheitliches Schriftsystem zu geben, jedoch sind diese bisher nicht im alltäglichen Gebrauch angekommen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass eine Gebärde kein Buchstabensystem haben kann, sondern durch diverse Zeichen die vier manuellen Hauptmechanismen beschreiben muss, die eine korrekte Gebärde ausmachen (Handform, Ausführungsstelle, Bewegung, Handstellung). Dazu kommen noch nicht manuelle Aspekte wie Mimik, Blick, Körperhaltung und Mundbild. Kurz gesagt, sehr komplex und schlecht umsetzbar. Daher wird die Gebärdensprache immer direkt vom Menschen oder über Videos vermittelt und gelehrt.
Für mich bietet dieser Mangel einer Verschriftlichung der Gebärdensprache ein großes Feld für visuelle Experimente und ist in diesem Fall auch ein Werkzeug, um das Substantiv von der Typographie, der Ikonographie und dem grammatischen Genus loszulösen. Es entsteht eine neue Form, meine individuelle visuelle (queere) Sprache.

Ausgehend von den Gebärden für die einzelnen Worte habe ich die Bewegung der Hände (bzw. Finger) stark reduziert zu Papier gebracht. So entstehen neue Formen, eine performative Ebene der Sprache, losgelöst von Wort und Gender.
Grundlage für meine Arbeit ist die offizielle Anerkennung mehrerer Genera laut Duden.

Präsentation:
Das Objekt wird zum Laut wird zum Wort.
Das Objekt wird zur Gebärde wird zum stilisierten Bild.
Um die Analogie von Laut und Gebärde zu bedienen, wird das Bild, ebenso wie das Wort, mit Pinsel und Farbe auf Papier aufgetragen.
Hier mit schwarzer Acrylfarbe auf A2 Papier. Über jeder Malerei ist mit Kreppband ein A4 Transparentpapier geklebt, also eine zweite Ebene, die die Form wiederholt und eine Zweidimensionalität und Tiefe schafft. 
Die Blätter sind in einem Buch gebunden, um den Kontext der Sprache auch auf dieser Ebene herzustellen. Allerdings lassen sich die einzelnen Blätter aus dem Buch heraustrennen. Ich sehe die Malereien auch klassisch an der Wand, wo sie durch ihre Form wirken und zu einem Diskurs über Sprache und Geschlecht anregen können.
Titel der einzelnen Bilder sind die stilisierten Substantive (ohne Genus).

Für die Online-Präsentation wurden Reprofotografien der Malereien erstellt. Darüber hinaus sind weitere Abstraktionen entstanden, die nur Teilbereiche der Malereien aufzeigen.